Nach Jugoslawien, Ruanda und Tschetschenien wird nun auch der Afghanistankrieg mit der Allmacht des Ethnischen erklärt. Die Lösung scheint auf der Hand zu liegen: Wenn es gelingt, Vertreter aller ethnischer Gruppen in eine Regierung einzubinden, herrscht Frieden im Lande. Jedoch ist solch eine 'ethnische Lösung' nicht nur realitätsfremd, sondern geradezu gefährlich: Realitätsfremd, da die Berücksichtigung ethnischer Gruppen nicht zur Beilegung des Afghanistankonflikts beiträgt; gefährlich, da die Verknüpfung von politischen Ämtern und Ethnizität den Konflikt in Afghanistan erst recht stabilisieren und anheizen wird.

Ethnie - ein schwammiges Konzept

Die Schwierigkeit beginnt bereits mit der Frage, was eine Ethnie ausmacht. Im Gegensatz zu allgemeinen Vorstellungen, dass ethnische Gruppen als fest umrissene Größen bereits seit unbestimmter Zeit existieren, sind die meisten Ethnien in Afghanistan erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts kreiert worden. Vom wissenschaftlichen Eifer getrieben, Menschen aufgrund kultureller Eigenheiten zu klassifizieren, schufen Ethnologen eine ganze Reihe ethnischer Gruppen: So die Nuristani, Paschai, Aimaq oder Farsiwan. Der Begriff "Tadschike" etwa bezog sich in Afghanistan originär auf Menschen, die sich ethnisch nicht einordnen lassen. Es handelte sich also um eine "Anti-Ethnie". Dennoch sprechen wir heute von der ethnischen Gruppe der Tadschiken; ein Widerspruch in sich. Den zu solchen Einheiten zusammengefaßten Menschen ist oftmals nicht einmal das Ethnonym, mit dem sie belegt wurden, geläufig, geschweige denn irgendeine gemeinsame Identität.

Aufgrund unterschiedlicher wissenschaftlicher Ansätze herrscht auch Konfusion darüber, wie viele ethnische Gruppen es in Afghanistan überhaupt gibt. Während eine deutschsprachige Abhandlungen auf ungefähr 50 Ethnien kommt , zählt eine sowjetische 200. Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, in einer zukünftigen Regierungsbildung nur die wichtigsten ethnischen Gruppen zu berücksichtigen. Neben dem haarigen Problem, die bedeutendsten auszuwählen, ergibt sich die Frage der ethnischen Abgrenzung. Es fehlen Konzepte, die besagen, wie ein Uzbeke, Hazara oder Paschtune zu sein hat. Wer etwa behauptet, alle Paschtunen sind Sunniten, irrt gewaltig, da es im Raum Qandahar und im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet auch schiitische Paschtunen gibt. Wer behauptet, alle Paschtunen sprechen Paschtu irrt ebenfalls. So sprechen Tadschiken in Jalalabad oder Hazara in Ghazni auch Paschtu. Im Gegenzug beherrschen Kabuler Paschtunen, die auf ihre paschtunische Identität pochen, oftmals kein einziges Wort Paschtu - so etwa der ehemalige König Zahir Schah. Die selbe Unsicherheit findet sich bei allen anderen ethnischen Gruppen. Die Schwierigkeit der Abgrenzung wird zudem dadurch gesteigert, dass sich viele Afghanen - sofern sie die kulturellen Muster beherrschen - je nach Situation als Angehörige verschiedener Ethnien ausgeben können. Der ehemalige afghanische Präsident Babrak Karmal betonte etwa seine paschtunische Abstammung, wird jedoch in der wissenschaftlichen Literatur als Tadschike oder als eingewanderter Kaschmiri klassifiziert; oder Ismael Khan, einer der wichtigsten Kommandeure der Nordallianz: Mal wird er als Tadschike, mal als Paschtune, mal als Farsiwan eingestuft. Er selbst verweigerte bislang beharrlich, sich einer bestimmten ethnischen Gruppe zurechnen zu lassen.

Auch lässt sich aus der ethnischen Zuordnung kein gemeinsames Handeln ableiten. So haben die Paschtunen im sogenannten Great Game des 19. Jahrhunderts niemals vereint gegen die englische Kolonialmacht gekämpft, wie es die historische Mythenbildung glauben machen will. Vielmehr wechselten die einzelnen paschtunischen Stämme ständig die Seiten. Paschtunische Herrscher waren überhaupt nur unter Zustimmung der Engländer in der Lage, den Kabuler Thron zu besteigen. In gleicher Weise kämpften in den Aufständen der Hazara gegen den afghanischen Staat (1888-1893) Angehörige dieser Ethnie auf beiden Seiten der Frontlinie. Schließlich war die "Tadschiken-Herrschaft" Habibullahs II., der 1929 kurzfristig die Macht an sich riss, nur durch die Unterstützung paschtunischer Stämme möglich.

Diese Ausführungen sollten zu genüge verdeutlicht haben, dass Ethnizität weder einer menschlichen Konstante entspricht, noch aus der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe sich ein bestimmtes Handeln ableiten lässt. Aus dem Problem der ethnischen Abgrenzung und der Passivität vieler Afghanen gegenüber ihrer ethnischen Gruppe erwächst zudem die Unmöglichkeit, die Größe ethnischer Gruppen zu fixieren.

Staatenbildung im ethnischen Gewand

Es drängt sich die Frage auf, weshalb in Afghanistan ethnische Gruppen überhaupt an Bedeutung gewannen. Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Rückblick in die afghanische Geschichte sinnvoll. Den afghanischen Staat riefen die rivalisierenden Kolonialmächten England und Rußland Ende des 19. Jahrhunderts ins Leben. Die von Englands Gnaden eingesetzte paschtunische Herrscherfamilie favorisierte in ihrem Nationalstaatskonzept paschtunische Momente: So ist Afghane das persische Synonym für Paschtune, Paschtu war stets afghanische Nationalsprache und die afghanische Geschichte wurde aus paschtunischer Sicht geschrieben. Die Herrschaftspolitik bediente sich dem in Entstehung befindenden ethnischen Raster, um den Zugang zu staatlichen Gütern und Ämtern zu regulieren.

Paschtunen erfuhren in allen Bereichen eine Privilegierung und dominierten das Militär. Tadschiken überließ der Staat den Wirtschafts- und Bildungsbereich, während die Hazara marginalisiert wurden. Diese verschiedenartige Behandlung der Einwohner aufgrund ethnischer Attribute ging einher mit der Ausbildung ethnischer Stereotypen: Die Paschtunen galten als kriegerisch, die Tadschiken als geizig, die Uzbeken als brutal und die Hazara als ungebildet und arm. Obgleich die nationalstaatliche Politik damit eine ethnische Hierarchie schuf, traten ethnische Konflikte überraschenderweise kaum auf. Hierfür war in erster Linie der krasse Gegensatz zwischen Stadt und Land verantwortlich. Denn die Politik, die in Kabul betrieben wurde, interessierte die Menschen im ländlichen Afghanistan nicht. Ja, die Afghanen erblickten im Staat eine rundweg feindliche Größe und nicht den Schlüssel für einen Ressourcenzugang (z.B. Ämter; Bodenrechte), dem man sich bemächtigen konnte. Daher gab es auch kein Bedürfnis, die vom Staat geförderte ethnische Hierarchisierung zu verändern.

Ethnizität durch Einflussnahme von außen

Erst mit dem Ausbruch des Afghanistankriegs 1979 gewann Ethnizität als politisch-militärische Kraft an Bedeutung. Obgleich der Afghanistankrieg entsprechend den Vorzeichen des Kalten Kriegs vom Gegensatz Kommunismus versus Islam dominiert wurde, nutzten die beteiligten Parteien verstärkt das ethnische Konfliktpotential, um ihre Position zu stärken. Die kommunistischen Machthaber in Afghanistan erhofften sich, ausgewählte ethnische Gruppen über deren Erhebung zu Nationalitäten an sich zu binden. Noch bedeutender war die Schaffung von Milizen, die auf ethnischer Zugehörigkeit aufbauten; die bekannteste ist die Uzbeken-Miliz des General Dostum. Auch Pakistan sowie Iran, die den afghanischen Widerstand aufbauten, nutzten das Konfliktpotential. Iran baute aufgrund schiitischer Verbundenheit mit der Hezb-e Wahdat eine Partei auf, die unter den schiitischen Hazara stark verbreitet war. Für Pakistan gestaltete sich die Situation schwieriger. Der Grund: Zwischen den 50er und 70er Jahren standen Pakistan und Afghanistan in der sogenannten Paschtunistanfrage mehrfach am Rande eines Kriegs. Afghanistan strebte die Einverleibung der paschtunischen Stammesgebiete Pakistans an. Um die Paschtunistanfrage ad acta zu legen, protegierte Pakistan gleich mehrere paschtunisch dominierte Parteien, die sich aufgrund persönlicher Rivalitäten ihrer Führer voneinander unterschieden. Mit der Jamiat-e islami erkannte Pakistan außerdem eine Partei an, die als Sammelbecken für alle Nicht-Paschtunen dienen sollte.

Mit dem Sturz des kommunistischen Regimes 1992 stieg Ethnizität zum dominierenden Faktor der Kriegführung auf. Die Jamiat-e islami, die Dostum-Milizen und die Hezb-e wahdat definierten sich zunehmend als die Vertretungen der Tadschiken, Uzbeken und Hazara. Hierüber vermochten sie es, Kämpfer zu mobilisieren. Aufgrund der pakistanischen Politik fehlte allein eine Bewegung, die Rückhalt unter den Paschtunen hatte. Die von Pakistan protegierten Parteien, die unter den Paschtunen verbreitet waren, hatten sich im Verlauf der 80er Jahre diskreditiert und erreichten selten mehr als eine lokale Bedeutung. Auch das Verhältnis zwischen Pakistan und dem ehemaligen Ziehkind, der Jamiat-e islami, verschlechterte sich. Seit Anfang der 90er Jahre befand sich Pakistan daher im Dilemma, über keinen Verbündeten mehr in Afghanistan zu verfügen. Dies leitete eine politische Kehrtwende Islamabads ein, die 1994 in der Gründung der Taliban mündete: Einer Bewegung, die über ein radikal islamistisches und ein paschtunisches Gesicht verfügte. Mit der Einnahme Kabuls durch die Taliban 1996 und dem Zusammenschluß der Jamiat-e islami, Hezb-e wahdat und Dostum-Milizen zur Nordallianz mutierte der Krieg erneut. Diesmal zum Konflikt zwischen paschtunischen Majoritätsansprüchen und ethnischen Minderheitenforderungen, die ebenfalls ethnisch begründet wurden.

Jedoch unterlag die Ethnisierung des Afghanistankonflikts in den 90er Jahren einer wesentlichen Beschränkung: Die Parteien setzten nie öffentlich, sondern immer nur im Verborgenen auf die ethnische Karte. So finden sich nur sehr spärlich Dokumente, anhand derer man irgendeiner politischen Bewegung eine ethnische Parteinahme nachweisen kann. Auch die veröffentlichten Reden von Führern wie Massud, Rabbani oder Mullah Omar sind von einer islamischen Rhetorik durchdrungen, wohingegen die ethnische Dimension des Afghanistankriegs vehement bestritten wird. Auch bezeichneten alle Politiker ihre Parteien gebetsmühlenartig als multi-ethnisch. Die Ursache hierfür ist, dass es unter Afghanen äußerst verpönt ist, überhaupt die ethnische Frage zu thematisieren. Denn es herrscht Konsens darüber, dass eine ethnische Argumentation den Fortbestand des afghanischen Nationalstaats gefährden würde. Wer also im Namen einer ethnischen Gruppe zu sprechen vorgibt, gilt als Vaterlandsverräter. Außerdem wird die Betonung von Ethnizität als unislamisch eingestuft, da dies die Ummah, also die islamische Gemeinschaft, in Frage stellt.

Eurozentrismus als Grundlage westlicher Wahrnehmung des Konflikts

Erst seit dem Terrorangriff auf das World Trade Center und das Pentagon stellen sich afghanische Politiker und Bewegungen offen als Führsprecher bestimmter ethnischer Gruppen dar. Auslöser hierfür war, dass westliche Politiker und Medien den Afghanistankonflikts allein als einen ethnischen definierten, der nur durch eine 'ethnische Lösung' beendet werden kann. Erst als amerikanische und europäische Spitzenpolitiker wie Joschka Fischer oder Collin Powell die 'ethnische Lösung' öffentlich zur Grundlage einer post-Taliban-Regierung machten, zeigten alle Parteien, Gruppierungen und Einzelpersonen, die sich eine tragende Rolle in einer Post-Taliban-Regierung erhofften, ihr ethnisches Gesicht. Gegenwärtig gibt es kaum noch einen afghanischen Politiker, der sich nicht als Interessenvertreter irgendeiner ethnischen Gruppe ausgibt, um seine Anspruch auf ein politisches Amt hierdurch zu legitimieren.

Man muss sich fragen, weshalb westliche Politiker und Medien in geradezu naiver Weise den Afghanistankonflikts auf die ethnische Dimension verengen. Zum einen ist dies wohl auf die Erklärungsallmacht des Ethnischen zu schieben. Im Gegensatz zu dem oben skizzierten Bild gehen Politiker und Medien davon aus, dass die ethnische Zugehörigkeit das menschlichen Handeln bestimmt: Jeder Mensch ist genau einer ethnischen Gruppe zugehörig und handelt entsprechend.

Solch eine primordiale Auffassung ist häufig Ausdruck eines tiefsitzenden Eurozentrismus: Denn Menschen, die ethnisch oder gar wie die Paschtunen tribal organisiert sind, entsprechen nicht den westlichen Vorstellungen einer zivilen Gesellschaft; sie werden als vormodern, wenn nicht gar als mittelalterlich abqualifiziert. Nach diesen Vorstellungen dient die Ethnie als vormoderne, quasi-demokratische Legitimation: Eine Regierung, in der alle ethnischen Gruppen vertreten sind, spiegelt die verschiedenen Facetten der afghanischen Bevölkerung zu genüge wider. Dass westliche Politiker hier einem Trugschluß aufsitzen, ist offensichtlich: Denn die ethnischen Gruppen sind nicht mit den herrschenden militär-politischen Bewegungen identisch und schon gar nicht als einheitlich handelnde Blöcke aufzufassen. Es bleibt in der gegenwärtigen Debatte völlig unberücksichtigt, dass trotz der Ethnisierung des Kriegs eine Ethnisierung der Massen ausblieb.

Denn den meisten Afghanen sind alle Kriegsparteien gleichermaßen verhaßt. Auch die ethnische Problematik ist für sie kaum von Belang. So gerät völlig in Vergessenheit, dass für die afghanische Bevölkerung nicht die ethnische Gruppe, sondern nach wie vor die Familie, der Clan und das Dorf die wesentlichen Identitätsbezüge darstellen. Sogar die Relevanz von Ethnizität als militärisch-politische Klammer blieb im Afghanistankrieg beschränkt: Unzählige Kommandeure und Kampfeinheiten wechselten aus politischem Opportunismus und wirtschaftlichen Anreizen mehrfach die Fronten - unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit. Daher läuft auch das jüngst häufig geäußerte Argument, dass moderate Vertreter der Taliban in eine zukünftige Regierung eingebunden werden sollten, um auch Paschtunen dabei zu haben, in die falsche Richtung. Als ob alle 7 bis 10 Mio. afghanischen Paschtunen Anhänger der Taliban seien! Weder sind die Taliban mit den Paschtunen, noch die Nordallianz mit den drei wichtigsten ethnischen Minoritäten gleichzusetzen.

Integration und Fachkompetenz statt ethnischer Ausgrenzung

Versuchen die Politiker weiterhin, die 'ethnische Lösung' in die Praxis umzusetzen, wird die Brisanz dieses Konzepts deutlich. Denn die 'ethnische Lösung' ist nur über eine Quotenregelung umzusetzen. Jüngst forderte der pakistanische Präsident Mosharaf bereits, dass die Paschtunen mit 60 Prozent in der afghanischen Regierung vertreten sein sollten. Die Festsetzung ethnischer Quoten für Staatsämter birgt jedoch die Gefahr, die Bedeutung von Ethnizität festzuschreiben und bei jedem neu zu besetzenden Amt ein Jonglieren mit Zahlen heraufzubeschwören: Ob die Paschtunen nun 65 %, 43 % oder 42,78 % der afghanischen Bevölkerung stellen. Bereits aus Sri Lanka oder Malaysia sollte man doch gelernt haben, dass ethnische Quotenregelungen nicht das geeignete Rezept darstellen, um einen ethnischen Konflikt zu überwinden. Die 'ethnische Lösung' würde überdies einem ethnischen Klientelismus den Boden bereiten, der ja gerade im Gegensatz zu den vom Westen propagierten zivilgesellschaftlichen Vorstellungen steht. Desgleichen ist die vielfach vertretene Auffassung, dass das afghanische Staatsoberhaupt ein Paschtune sein muss, weil die Paschtunen die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung stellen, unsinnig.

Eine viel diskutierte Möglichkeit, um ethnischen Forderungen in Afghanistan gerecht zu werden, ist die Einrichtung ethnisch-föderaler Strukturen. Auch dieser Ansatz ist wenig dienlich, da sich Ethnien in Afghanistan kaum räumlich verorten lassen. Nicht selten findet man Täler und Dörfer, in denen gleich eine ganze Reihe ethnischer Gruppen leben. Daher würde die Einrichtung föderaler Strukturen nur eine Verlagerung der ethnischen Problematik von der nationalstaatlichen auf die föderale Ebene bedeuten. Auch birgt die Umsetzung eines ethnischen Föderalismus die Gefahr ethnischer Säuberungen, da ethnische Homogenitätsvorstellungen auf das Territorium projiziert werden wie zuletzt das Beispiel Bosnien-Herzegowina grausam verdeutlichte. Vor diesem Hintergrund erscheint der Vorschlag, Afghanistan in eine nördliche, tadschikische, und eine südliche, paschtunische Zone aufzuteilen, nicht nur naiv, sondern im höchsten Maße gefährlich.

Wenn es auch nicht möglich ist, fertige Lösungen für die Beendigung des Afghanistankonflikts anzubieten, so dürfte die Erhebung von ethnischer Repräsentanz zum Fundament für einen politischen Neuanfang schwerwiegende Folgen für Afghanistan haben. Denn dann wäre Ethnizität aus dem politische Kontext nicht mehr wegzudenken und würde zur Grundlage aller politischer Handlungen. Die geringe Bedeutung, die Ethnizität nach wie vor für die afghanische Bevölkerung einnimmt, sollte für den politischen Wiederaufbau genutzt anstatt durch eine 'ethnische Lösung' forciert werden. Eine neue afghanische Regierung muss vor allem deutlich machen, dass die Ämterbesetzung und die politischen Entscheidungen nicht von ethnischen Überlegungen, sondern von fachlicher Kompetenz geleitet werden.

Auch die afghanische Verfassung sollte nach Möglichkeit auf ethnische Bezüge verzichten. Es wäre verheerend, den sunnitischen Islam als Staatsreligion festzuschreiben. Auch in der Sprachenpolitik sollten Persisch, die lingua franca Afghanistans, und Paschtu gleichberechtigt nebeneinander stehen. Sprachen wie Usbekisch, Turkmenisch oder Belutschisch könnten in verschiedenen Regionen des Landes anerkannt werden. Die Einbindung des ehemaligen Königs Zahir Schah in eine Friedensfindung ist sicherlich sinnvoll. Wenn es sich bei ihm auch um einen 87jährigen Mann handelt, so ist seine Integrationskraft nicht zu unterschätzen: Er personifiziert das "alte, friedliche Afghanistan". Nebenbei verdeutlicht gerade die Person Zahir Schah die geringe Bedeutung, die Ethnizität für die afghanische Bevölkerung einnimmt: Denn Zahir Schah ist über alle ethnischen Grenzen hinweg in der afghanischen Bevölkerung äußerst populär, obgleich er Paschtune ist.

In Afghanistan steht die Weltpolitik erneut vor der Herausforderung, mit ethnisch überlagerten Konflikte umzugehen. Die Politiker, die jetzt die Zukunft Afghanistans planen, sind gut beraten, der ethnischen Polarisierung des Landes entgegenzuwirken. Ethnizität ist nicht Ursache eines Konflikts, sondern Folge der politischen und militärischen Mobilisierung. Eine Berücksichtung ethnischer Forderungen behebt daher nicht die Ursachen des Konflikts, sondern bestärkt nur diejenigen, die - wie bereits auf dem Balkan - Ethnizität als Instrument der Interessendurchsetzung einsetzten.

Conrad Schetter

Conrad Schetter ist Mitarbeiter der Forschungsgruppe "Ethnische Konflikte und Staatenbildung" am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF), Universität Bonn. Er promovierte im Sommer 2001 über "Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan".


Back to Top