WACC Media Development Ägypten ist das einzige arabische Land, das stolz auf eine eigene Filmindustrie sein kann. Wenn vom "arabischen Film" gesprochen wird, ist meistens von der ägyptischen Filmkultur die Rede. Auch wenn diese Filmindustrie eine große Bedeutung hat, ist sie nicht ausgenommen von der üblichen Spannung zwischen Kunst und Gesellschaft, wie der nachfolgende Beitrag von Maggie Morgan zeigt, der in der Ausgabe 1/2005 der Zeitschrift "Media Development" der Weltvereinigung für Christliche Kommunikation (WACC) erschien.

1991 wurde Youssef Chahine, ein international hoch angesehener Filmemacher, für die Aufführung seines Dokumentarfilms "El Qahira Menawara Be'ahlaha" (Kairo, illuminiert von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern) beim Filmfestival in Cannes von der ägyptischen Presse geschmäht und später sogar vor Gericht gestellt. Der Film wurde mit der Begründung verboten, er ruiniere die "Reputation" Ägyptens dadurch, dass er Armut darstelle. Zwei Jahre später wurde der Nobelpreisträger Naguib Mahfouz niedergestochen und beinahe getötet, nachdem er den Roman "Kinder von Gebalawi" veröffentlicht hatte, den manche als atheistisch ansahen. 1994 musste Chahine erneut vor Gericht erscheinen, diesmal wegen seines Spielfilms "Al-Muhager" (Der Einwanderer. Der Film basierte auf der biblisch-koranischen Josephs-Geschichte, und der Islam verbietet es, religiöse Persönlichkeiten im Film zu zeigen. Der Film Chahines wurde für einige Zeit verboten.

Die ägyptische Filmkultur des 20. Jahrhunderts kann nur auf diesem Hintergrund verstanden werden. Zweifellos kontrollieren und prägen kommerzielle Faktoren die Themen und den Stil ägyptischer Filme. Aber wenn Filmemachen eine Möglichkeit darstellt, sich selbst auszudrücken und zu kommunizieren, dann sind die meisten ägyptischen Filme durch einen gebrochenen, verkümmerten und unvollständigen Dialog geprägt. Regisseur Hala Galal, einer der Gründer der unabhängigen Produktionsfirma Semat, beschreibt die prekäre Situation der Filmemacher so: "Es ist ein schwieriger Balanceakt. Wir wollen uns selbst ausdrücken, müssen aber versuchen, die Zensur zu passieren, die Gefühle der Zuschauer nicht zu verletzen und nicht in Konflikt mit dem zu kommen, was als 'Reputation Ägyptens' bezeichnet wird. Gleichzeitig müssen wir versuchen, einen kommerziellen Fehlschlag zu vermeiden ... Am Ende fühlen wir uns wie Schneider oder Clowns, und was entsteht, lässt sich als alles bezeichnen, nur nicht als Kunst!"

Der schmale Pfad, auf dem sich Filmemacher bewegen müssen, zeigt sich in der Klassifizierung der Filmgenres. Der Traum für eine kommerzielle Produktion ist es, das ein Film als "qonbela" (Bombe) bezeichnet wird, ein Film, den man eindeutig gesehen haben muss, weil er sowohl sehr unterhaltsam als auch harmlos ist. Ein Beispiel dafür ist die "El-Lemby"-Filmreihe. Außerdem gibt es "fi risala"-Filme, Filme mit einer Botschaft, und diese Etikettierung bedeutet, dass der Film moralisch aufbauend ist und es deshalb "verziehen" wird, dass er keine sensationellen Formen der Unterhaltung bietet. In dieser Kategorie muss man nicht befürchten, dass die Botschaft zu didaktisch vermittelt wird.

Für die Mehrheit ist die Beschreibung als "mahraganat"-Film (ein Festival-Film) eine abfällige Bezeichnung, die signalisiert, dass es um ein depressives Thema geht und die Bedeutung schwer zu verstehen ist. Gelegentlich fragen Leute einander vor dem Kinoeingang "qissa walla manazir?" (Story oder Szenen?). In der Frage geht es darum, ob der Film nur eine Geschichte erzählt oder es auch Liebesszenen gibt. Die Sexszenen ziehen repressiv erzogene junge Männer an, aber sie schrecken ein größeres, konservativeres Publikum ab. Seit einiger Zeit gibt es auch die neue Kategorie "cinema nadhifa" (sauberes Kino), und damit werden Unterhaltungsfilme beschrieben, die konservative, religiöse Gefühle nicht durch Promiskuität, Obszönität oder Kritik an der Religion verletzen.

Da die moralischen Bezeichnungen, die den Filmen zugeordnet werden, erst ein relativ neues Phänomen sind, argumentieren manche, dass die Gesellschaft sich auf dem Rückzug in ein engstirniges Stadium befindet. Früher wurden Themen mit weniger Zurückhaltung dargestellt. Aber man muss die Frage stellen: Wem war es damals erlaubt, ins Kino zu gehen? Die meisten Frauen hätten in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren vermutlich nie einen Fuß in ein Kino gesetzt. Schauspielerinnen wurden als "lockere" Frauen angesehen. In dieser Zeit wurde das französische Wort "artiste" in Ägyptern übernommen und als Synonym für Prostituierte verwendet! Um ein größeres Publikum einschließlich von Familien und Frauen zu gewinnen, hielt Moral Einzug ins Kino.

Faten Hamama, bekannt als die "Lady der arabischen Leinwand", hat viel dazu beigetragen, das negative Bild von Schauspielerinnen zu verändern. Sie bestand darauf, nicht als "artiste" bezeichnet zu werden, und dass sie in den meisten ihrer Filme ein "anständiges Mädchen" darstellte, machte sie beim Publikum beliebt. Sie gewann Respekt unter den Blicken praktisch jeden kritisch prüfenden arabischen Augenpaars. Abdel Haleem Hafez, der berühmteste Sänger und Schauspieler seiner Zeit, trug ebenfalls zur Erhöhung des beruflichen Ansehens bei. Als Sohn einer armen Dorffamilie verkörperte er die ägyptische Geschichte vom Aufstieg zum Reichtum, in der Hartnäckigkeit und harte Arbeit belohnt wurden durch Ruhm und Erfolg. Vieler seine Filme waren Neuinszenierungen seiner persönlichen Erfolgsgeschichte.

Seit Ende der 1960er Jahre vermischt sich die Persönlichkeit der Schauspielerinnen und Schauspieler außerhalb der Dreharbeiten immer stärker mit den Personen, die sie in den Filmen spielen. Dass sich die Linie zwischen dem Realen und dem Fiktiven immer stärker verwischt hat, trägt dazu bei, dass das Kino in der öffentlichen Wahrnehmung weniger moralisch bedrohlich erscheint.

Meilensteine auf dem Weg zum Kassenerfolg

Arabische Zuschauerinnen und Zuschauer werden, wie viele andere, vom Versprechen der Unterhaltung und der Flucht vor der Wirklichkeit angezogen. Die meisten haben allerdings ein unbewusstes Schuldgefühl, wenn sie feststellen, dass sie nur Schönes, Action, Überfluss, Heldentum und Luxus sehen wollen. Wenn Menschen einen wirklich unterhaltsamen dramatischen Film mit einer "Botschaft" gesehen haben, verlassen sie das Filmtheater mit einer gewissen selbstgefälligen Zufriedenheit. Sie gehen mit einer Dosis Predigt, versüßt durch Unterhaltung.

Der erste bedeutende Erfolg an den Kinokassen war im letzten Jahrzehnt "Sae'eedi Fi El-Gam'a El-Amrikiya (Ein Mann aus Oberägypten an der Amerikanischen Universität, 1998). Die Hauptrolle spielte Mohamed Heneidy, ein kleiner Mann, dessen Anziehungskraft sich aus seiner Naivität inmitten einer gerissenen Welt erklärt. Neben dieser Anziehungskraft auf der Leinwand trug auch seine Persönlichkeit außerhalb der Filmarbeit zu seinem Erfolg bei. Er erscheint in Fernsehprogrammen, um Segen für seine Mutter zu erbitten. (Etwas Gutes für die Eltern und besonders die Mutter zu tun, erscheint im Islam als ein herausragendes Beispiel für Moralität.) Wann immer er während des Ramadans, dem muslimischen Fastenmonat, interviewt wird, betont Heneidy stolz, dass er fastet, betet und sich auf den Pilgerweg nach Mekka begeben wird. Er betont, dass Kunst "gut und sauber" sein muss. Dass das Publikum sich nicht nur am Humor Heneidys erfreut, sondern ihn auch aus vollem Herzen als Person schätzt, ist eine Tatsache, die nicht übersehen werden kann, wenn man den Erfolg seiner Filme analysiert.

In "Sa'eedi" spielt Heneidy die Rolle von Khalaf, eines naiven Dorfbewohners - traditionell und altmodisch -, der an der Amerikanischen Universität in Kairo studiert. Auch wenn er den sozialen Fortschritt der amerikanischen Gesellschaft bewundert, lehnt er doch ihre "korrumpierenden" Werte ab. Er erlebt die vielen Ausdrucksformen der Moderne: die Freundschaft von jungen Leuten, bestimmte Kleidungsregeln, Musik und vor allem die vermutete pro-zionistische politische Einstellung der Professoren an der Amerikanischen Universität. Er reagiert darauf auf eine spaßige, aber zugleich moral-geleitete Weise. Die Ereignisse eskalieren bis zu dem Punkt, wo er bei einer Demonstration auf dem Campus die israelische Flagge verbrennt. In verschiedenen Kinos applaudierten Zuschauer an dieser Stelle des Films.

In einer anderen Szene des gleichen Films singt Heneidy einen Song mit dem Titel "Chocolata" (Schokolade). Die Schokolade, auf die er sich bezieht, ist eine sudanesische Prostituierte. Er hänselt sie, indem er sagt: "Wenn ich das Licht ausmache, kann ich dich nicht sehen!" Die "anständigen Mädchen" sind Khalafs konservative, aber doch moderne Klassenkameradinnen sowie ein verschleiertes Mädchen. Sie bilden einen starken Kontrast zu den leichtlebigen Mädchen an der Amerikanischen Universität.

Der Film wurde von den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht kritisch bewertet. Das Spiel mit Gegensätzen - Gute gegen Schlechte und Selbst gegen Andere -, das in dem Film entfaltet wird, wurde kaum wahrgenommen. Sein nächster Film war "Hammam Fi Amsterdam" (Hammam in Amsterdam, 1999), ein Film über einen jungen Ägypter, der in Holland lebt. Erneut werden "gute" traditionelle islamische Werte den "schlechten" westlichen Werten in Amsterdam gegenübergestellt. Der Bösewicht in dem Film ist ein Jude, eine erfolgreiche Taktik, um das Reservoir an Animositäten zwischen Arabern und Juden zu nutzen und zu verstärken.

Die Ironie des nationalistischen Inhalts des vorherrschenden Kinofilms liegt darin, dass die Darstellungsform sich ganz eindeutig am amerikanischen Modell orientiert. Die gegenwärtige Filmkultur in den Kinokomplexen der Einkaufszentren ist sehr stark eine Kultur von Popcorn und Coca-Cola. Der sehr talentierte ägyptische Regisseur Dawood Abdelsayed hat festgestellt: "Das Publikum in den Kinos in Einkaufszentren besteht aus einem neuen Typ von Menschen. Sie sind diejenigen, die in den 80er und 90er Jahren unter dem Einfluss der Petrodollar-Kultur aufgewachsen sind, die von den Golfstaaten exportiert wurde. Sie bevorzugen die oberflächliche, klimatisierte und kommerzielle Atmosphäre der Einkaufszentren gegenüber der Welt draußen mit ihrem heißen und kalten Wetter, den Menschenmassen und den vielen Aktivitäten."

Um für das Publikum der Einkaufszentren ein Angebot zu machen, werden die aktuellen ägyptischen Filme in Konzept und Stil entsprechend den Hollywood-Produktionen gestaltet. Aber natürlich werden die Bösewichte und die Helden ausgetauscht. Hollywoods arabische Terroristen werden in ägyptischen Filmen durch unsympathische und unmoralische Amerikaner und Zionisten ersetzt. Der arabisch-israelische Konflikt und in letzter Zeit auch die amerikanische Aggression im Irak haben den Rückgriff auf diese Taktik noch offensichtlicher gemacht. Selbst ein Regisseur wie Youssef Chahine, berühmt für seine komplexe und zum Nachdenken anregende Arbeiten, erlag der Versuchung, auf anti-amerikanische Gefühle zurückzugreifen, um sich ein Publikum zu sichern. Sein jüngster Film "Alexandria/New York" (2004), der beim Filmfestival in Cannes neben "Fahrenheit 9/11" gezeigt wurde, ist eine künstlerische Gestaltung des einfachen "wir gegen sie"-Prinzips.

Der Erfolg von Skandalen

Das Spiel, mit den moralischen Sympathien der Menschen zu arbeiten, ist relativ einfach, wenn es um politische Themen geht. Aber Alternativen und Sympathien geraten stärker durcheinander, wenn es um Fragen von Familienbeziehungen, Religion und Sexualität geht. "Sahar El-Layali" (Schlaflose Nächte), ein kontroverses Sozialdrama, das 2002 herauskam, ist ein Beispiel dafür. In dem Plot von "Sahar El-Layali" geht es um vier Paare, deren Leben miteinander verwoben ist. Die Probleme, mit denen sich die Paare konfrontiert sehen, sind Ehebruch, Angst vor Bindungen sowie sexuelle Unzufriedenheit von Frauen. Weil es nicht sicher war, dass der Film ein Publikum finden würde, verzögerten die Produzenten die Präsentation des Films ein Jahr lang, um einen "guten Augenblick" zu finden. Im Gegensatz zu ihren Erwartungen erwies sich der Film als sehr erfolgreich und lief sechs Monate lang in den Kinos.

Auch wenn diese Behauptung unzutreffend war, wurden in ganz Ägypten Gerüchte verbreitet, "Sahar El-Layali" werde verboten. Die Debatte entzündete sich vermutlich mehr an den Themen des Films als an expliziten Sexszenen. Frauen, die sexuell nicht befriedigt sind, sowie Paare, die unverheiratet zusammenleben, sind kein übliches Thema im vorherrschenden arabischen Kino. In einer Gesellschaft, die mit Werten der puritanischen Moral und Stereotypen von Frauen und Müttern, die sich selbstlos um das Wohl ihrer Familien kümmern, bombardiert wird, ist es eine Häresie, auch nur die Vermutung zu äußern, dass Frauen an ihr sexuelles Vergnügen denken! Die Sache wurde noch dadurch verschlimmert, dass die Charaktere im Film als sympathisch dargestellt werden, als "gute" Menschen, die Fehler machen.

Als der Film in London als Teil eines Programms unter dem Titel "Verboten. Filme in der arabischen Welt" gezeigt wurde, flackerte zu Hause die Diskussion auf. Das Ergebnis war, dass "Saher El-Layali" im Mittelpunkt der Medienberichterstattung stand. Ein gewisser Konsens bestand darin, dass der Film wirklich gewagt war, aber zumindest die Wahrheit über das zum Ausdruck brachte, "was wir alle wissen, aber nicht sagen". Beobachter sahen den Regisseur als heroisch und bewundernswert an, weil er sich auf neues Terrain vorgewagt hatte. Das Publikum setzte sich für diesen Film ein. In dieser Hinsicht ist "Sahar El-Layali" einzigartig unter den vielen anderen kontroversen Anlässen, die sowohl die Zensoren als auch die öffentliche Meinung in Zorn bringen.

Andere Filme hatten nicht so viel Glück, wenn es um Fragen der Konfrontation mit der öffentlichen Meinung oder den Zensoren geht. "Baheb El-Seema" (Ich liebe Kino) wurde 2001 gedreht und kam 2004 in die Kinos. Wie "Saher El-Layali" wurde der Film von Anfang an kontrovers diskutiert. Die Geschichte spielt Ende der 1960er Jahre und wird aus der Perspektive von Na'eem erzählt, dem Sohn einer christlichen Mittelklassefamilie. Sein Vater ist ein religiöser Fundamentalist, der ihm verbietet, ins Kino zu gehen. Na'eems Mutter wird von ihrem Ehemann untersagt, nackte Menschen zu malen. So malt sie Bilder mit zwei Seiten, die sie in der Wohnung aufhängt - auf der einen Seite sind Naturmotive zu sehen, auf der anderen Akte. Ihre Gemälde spiegeln das doppelte Gesicht einer Gesellschaft, in der viel getan und verborgen wird und wo der äußere Schein gravierend von der Realität abweicht.

"Baheb El-Seema" zeigt keine Bösewichte, und es fällt nicht schwer, Sympathie für die handelnden Personen zu entwickeln, selbst für den fundamentalistischen Vater. Anders als "Saher El-Layali" fand dieser Film aber keine grundlegende Zustimmung beim Publikum. In einem Schlüsselsatz erinnert sich der Erzähler an einen Besuch beim Arzt und sagt: "Ich hasse all die Menschen, die uns unter dem Vorwand, zu wissen, was gut für uns ist, sagen, was wir tun sollen." Die Autorität eines Vaters, die Bestimmungen einer Schuldirektorin und die Dekrete religiöser Führer sind implizit alle mit gemeint in dieser Feststellung.

Der Fall "Baheb El-Seema" war der am heftigsten diskutierte Skandal im Sommer 2004. Während üblicherweise muslimische Fundamentalisten bestimmte Formen künstlerischer Produktionen angreifen, zeigte "Baheb El-Seema" den Beginn eines ähnlichen Trends unter den christlichen Zuschauerinnen und Zuschauern. Weil die Familie, um die es in der Geschichte geht, christlich ist, reagierte die christliche Minderheit in Ägypten sehr negativ. Sonst kaum jemals auf der Leinwand zu sehen, zeigt der Film eine Mutter, die, erdrückt vom Keuschheitsgelübde ihres Mannes, eine Affäre hat. Das zornige koptische Publikum fragte: "Wird angenommen, dass christliche Frauen Huren sind?"

In dem Film kamen außerdem eine obszöne Sprache sowie Prügeleien in einer Kirche vor. Verschiedene Kopten erhoben gemeinsam vor Gericht Klage gegen den Verfasser des Drehbuchs und den Regisseur, die beide Christen sind. Sie verklagten außerdem den Zensor, weil er den Film freigegeben hatte, den Kulturminister, weil er ihn zugelassen hatte, sowie den Innenminister, weil er nicht wahrgenommen hatte, dass der Film eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstellte und Auseinandersetzungen und Gewalt zwischen den Religionsgemeinschaften auslösen könnte.

Der Skandal war so groß und der Zorn so stark, dass die koptische Gemeinschaft Demonstrationen durchführte. Ikram Lam'ei, der evangelische Pastor an der Kirche, in der einige Szenen gedreht worden waren, wurde von der Leitung der Evangelischen Kirche in Ägypten zu einer Erklärung aufgefordert. Neben den Szenen mit Prügeleien und Flüchen in der Kirche gab es eine Szene, wo zwei junge Leute dabei erwischt wurden, wie sie sich auf dem Kirchendach küssten. Um den Zorn der Menschen zu besänftigen, war Lam'ei gezwungen, eine Erklärung in "Rosse el-Youssef" zu veröffentlichen, Ägyptens meist gelesenem Nachrichtenmagazin. Er führte aus, dass er über den Inhalt des Films nicht informiert gewesen sei und dass die Kussszene auf dem Dach nicht auf dem Dach der Kirche gedreht wurde! Der Banalität der Vorwürfe entsprach die Lächerlichkeit seiner Antwort!

Der Film war acht Wochen lang in den Kinos zu sehen. Mit der Klage vor Gericht wurde nicht erreicht, den Film zu verbieten, jedenfalls bisher noch nicht. Viele vermuten, dass "Baheb El-Seema" ohne die Kontroversen nicht halb so lange in den Kinos zu sehen gewesen wäre. Wenn keine Kontroverse entsteht, werden künstlerische Produktionen wie "Baheb El-Seena" auf internationalen Festivals gezeigt und haben keine Aussicht, zu Hause außerhalb von Kritiker-Kreisen wahrgenommen zu werden. "Arak el Balah" (Dattelwein, 1999) von Radwan el Kachef und "El-Medina" (Die Stadt, 2000) von Yousri Nasrallah waren kaum eine Woche in den Kinos zu sehen!

Wie immer man dies beurteilen mag: Diese notorischen "Festival-Filme" finden das Interesse von ausländischen Finanzierungsorganisationen. In den Filmen geht es praktisch immer um aktuelle Themen wie den Islam, den Status von Frauen in der arabischen Welt und die Palästina-Frage. Yousri Nasrallahs jüngste Produktion "Bab El-Chams" (Die Tür der Sonne, 2004) handelt von der Enteignung der Palästinenser. Nur wenige ägyptische Kinos werden den Film zeigen, weil sie fürchten, dass sie dann als Kinos stigmatisiert würden, die die gefürchteten "Festival-Filme" aufführen.

Der "einsame Ranger" unter den Regisseuren

Dawood Abdelsayed, berühmt für seine künstlerische Integrität, macht Filme, die in keine der Schubladen passen. Er kann sich nicht Regisseur nennen, sagt er, weil ein Regisseur per Definition jemand ist, den man anheuern kann, um nach dem Script eines anderen einen Film zu drehen. Ebenso wenig könne er sich Autor/Regisseur nennen, weil er sich weigert, damit beauftragt zu werden, ein Filmscript zu schreiben und danach einen Film zu drehen. Nach seiner eigenen Definition, über die er lange nachgedacht hat, ist er "ein Filmemacher, der Filme produziert, wenn er selbst den starken Willen verspürt, dies zu tun". Abdelsayad, geboren 1946, hat bisher erst sieben Filme gedreht und arbeitet gegenwärtig an seinem achten.

Sein letzter Film "Muwaten, Mokhber, Wa Haramy" (Bürger, Detektiv und Dieb, 2003) war kommerziell erfolgreich, weil einer der Schauspieler, Sha'aban Abdalrehim, auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Sänger war, als der Film herauskam. Abdelrehims Album wurde wegen des Songs "Ich hasse Israel" zu einem Bestseller. Dass er als Schauspieler für den Film ausgewählt wurde, löste bei manchen Stirnrunzeln aus: Die Verkörperung populärer Kultur in ihrer niedrigsten Form erscheint in einem Film des angesehenen Dawood Abdelsayed?!

Tatsächlich ist Abdelrehim eine schöne Verkörperung eines unwissenden Diebes, der keinerlei Kenntnisse von Kunst und Kultur hat und doch zum Verleger wird. Er fordert einen Autoren auf, einen aus seiner Sicht unangemessenen Abschnitt aus einem Roman herauszunehmen, "weil die Religion sagt, dass dies falsch ist". Die Ironie entsteht aus der Situation des Diebes, der kaum Lesen und Schreiben kann, aber zu einem frommen Verleger wird, und den Parallelen zur gegenwärtigen Realität auf künstlerischem Gebiet - heutige Regisseure mögen die Anspielungen erkennen oder ignorieren!

Manche Filme finden den Beifall der Kritiker, weil sie gerade zur rechten Zeit herauskommen. Dawood Abdelsayeds Filme geben der Versuchung nicht nach, einer maßgeschneiderten Relevanz zu folgen. Als er gebeten wurde, ein bestimmtes Thema aufzugreifen, um so eine Finanzierung aus dem Ausland zu erhalten, zog er es vor, dies nicht zu tun: "Zu versuchen, eine Frage zu beantworten, die nicht zu beantworten ist ... das ist alles, worum es in der Kunst geht. Zu diesen Fragen gehören die großen existenziellen Fragen wie die Fragen danach, warum ich geboren bin, warum ich hier bin ... aber auch weniger bedeutsame nicht zu beantwortende Fragen: Warum und wie verliebe ich mich?" Sein in Arbeit befindlicher Film "Retha' Ala El-Bahr" (Lobpreis am Ufer des Meeres) ist eine Liebesgeschichte. Solche Filme haben kein Verfallsdatum.

Das kommerzielle Kino in Ägypten hat Erfolg mit der quasi paradoxen Aufgabe, zu unterhalten und die ahnungslosen Zuschauerinnen und Zuschauer zu indoktrinieren. Kontroverse Filme provozieren zum Nachdenken. Aber wenn es um die Kunst geht, herzbewegende Filme zu produzieren, hat Ägypten - wie der Rest der Welt - nur einige wenige Regisseure, die Diogenes gleichen und inmitten von Kommerzialisierung und Kontroversen darauf beharren, sich selbst ehrlich auszudrücken ... ohne Rücksicht auf den Preis, den dies hat. Die Zukunft gehört ihnen.

Maggie Morgan ist Produzentin, die für eine unabhängige Filmgesellschaft in Ägypten arbeitet. Sie unterrichtet außerdem Literatur und Kulturstudien an der Amerikanischen Universität in Kairo. Sie hat ihre M.A.-Arbeit über Autobiographien in Literatur und Kino geschrieben.

Übersetzung aus dem Englischen: Frank Kürschner-Pelkmann

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